Archive for ‘Prof. Hans-Fred Weiser’

22. November 2012

Tabuthema Hirntod thematisiert in Report München

von kinesiana

Gibt es berechtigte Zweifel an der Qualität der Hirntoddiagnostik in Deutschland?

Nach gründlichen Recherchen wird nun berichtet, dass Informationen über zweifelhafte Hirntoddiagnosen nicht selten zurückgehalten worden seien.

Zunächst wird das aktuelle Beispiel der Carina Melchior aus Dänemark erläutert. Die Familie des Mädchens wurde bereits gefragt, ob sie bereit sei Organe zu spenden, da Carina angeblich nicht mehr geholfen werden könne. Weil die Angehörigen einer Organspende zustimmen, wird Carina am Leben erhalten – und beginnt wieder selbstständig zu atmen. Sie erwachte aus dem Koma und ist jetzt bis auf kleine Einschränkungen wieder hergestellt.

Es stellt sich die Frage, ob dies auch in Deutschland passieren könnte. Auch wenn dies bisher verneint wurde, lässt eine Studie des Neurologen Dr. Deutschmann Zweifel aufkommen. Dr. Deutschmann untersuchte als ehemaliger Leiter eines Bereitschaftsteams der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) von 2000 bis 2005 230 Fälle im Raum Niedersachsen. Das Ergebnis überrascht: nach seinen Aussagen wurde das Team relativ häufig zu Patienten gerufen, bei denen der Hirntod vorgelegen haben soll, aber nach Überprüfung der DSO-Mitarbeiter noch garnicht eingetreten war. Er berichtet von 30% vergeblicher Einsätze, teilweise wegen Dokumentationsfehlern, zum Teil aber auch um falsch gestellte Diagnosen. Dies zeigt ihm, dass das Thema Hirntoddiagnostik noch nicht bei allen Ärzten und Intensivmedizinern angekommen sei.

Mit dieser Ansicht steht Dr. Deutschmann nicht allein. Auch der Transplantationsmedizinier Prof. Gundolf Gubernatis kritisiert die mangelnde Ausbildung der Ärzte in diesem hochsensiblen Bereich. Er benennt die Mindeststandards, die er sich im Notfall für sich wünschen würde:

  • Ein Arzt sollte diese Untersuchung schon gesehen haben
  • Er sollte sie auch unter Anleitung durchgeführt haben und
  • Der untersuchende Arzt sollte Kenntnis der besonderen im Gesetz vorgegebenen Umstände besitzen

Der Hirntod kann z. B.  durch verschiedene Medikamente vorgetäuscht werden, weshalb Prof. Gubernatis und Dr. Deutschmann eine umfangreiche Labordiagnostik für unerlässlich halten. Die beiden Ärzte fordern eine zertifizierte Ausbildung für Hirntoddiagnostik nach Richtlinien der Bundesärztekammer, um Fehleinschätzungen zu vermeiden.

Dr. Deutschmann begründet das auch mit einem Beispiel. Er selbst erlebte, dass bei einem Kind eine Nullinie im EEG befundet worden sei, er aber einen wesentlichen Ausschlag feststellen konnte und auch niemals eine Nulllinie vorgelegen habe. Außerdem habe das Kind bei der klinischen Untersuchung noch geatmet. Hiermit sei der Hirntod eindeutig auszuschließen. Zugrunde lag eine fehlerhafte Bewertung einer technischen Untersuchung.

Bisher wurden strittige Fälle „wie heiße Kartoffeln jahrelang in den Gremien weitergereicht“ – so heißt es in dieser Reportage.

Das aktuellste Beispiel ist nun aus der Presse bekannt. Eine Mitarbeiterin der DSO hatte bereits 2008 als sie in einer Sitzung von einer zweifelhaften Organentnahme in 2005, bei der angeblich nicht alle Protokolle vorgelegen haben, erfuhr den Fall der Überwachungskommission der Bundesärztekammer gemeldet. Bei den Nachforschungen habe es Widersprüche unter den Beteiligten gegeben. Obwohl der Bericht nun seit 2010 vorlag, wurde er erst vor Kurzem herausgegeben.

Auch Prof. Hans-Fred Weiser, der Präsident der leitenden Krankenhausärzte, bekam den Bericht erst jetzt vorgelegt. Er äußert sich, dass – sollten die Fakten so sein wie sie im Prüfbericht erscheinen – sofort und unverzüglich eine Meldung an die Staatsanwaltschaft hätte erfolgen müssen.

Er ist überzeugt davon, dass Durchführung und Kontrolle der Transplantationsmedizin nicht weiter in einer Hand liegen sollten, sondern die Kontrollen von Fachexperten durchgeführt werden müssen, die nicht Teil des Systems selber sind.

Ob wohl mit einer staatlichen Aufsicht das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen ist?

 

 

 

 

 

 

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