Vereinfachung der Hirntoddiagnostik

von kinesiana

Auszug aus „Wie tot ist Hirntot?“ von Roberto Rotondo

Wenn man sich der Frage widmet, wer darüber bestimmt, ob ein komatöser Mensch zu den Lebenden oder zu den Toten gehört, gibt der Umgang mit der Hirntoddiagnostik Einblicke. Die Diagnose „Hirntod“ wird als die wahrscheinlich sicherste Diagnose in der Medizin postu­liert und deshalb wurde sie im Transplantationsgesetz als Entnahmekriterium festgelegt. Mit ihr wird der Hirntod, also der Tod des Menschen, festgestellt. Im Niedersächsischen Ärzteblatt konnte man 1992 nachlesen, dass die „Einführung der Anschnallpflicht in Personenkraftwagen am 01.08.1984 und der Helmpflicht für Motorrad- und Mopedfahrer ab 01.10.1985“ … „die Zahl der potentiellen Organspender erheblich verringert“ hat. „Auch (…) die Vereinfa­chung der Hirntoddiagnostik konnte dieses Defizit nicht beseitigen.“27 Als ich diese Information erhielt, habe ich als Krankenpfleger in Hamburg auf einer Intensivstation gearbeitet. Wenn die Aussage im Ärzteblatt der Wahrheit entspricht, bedeutete es nichts anderes, als das sich der Tod des Menschen durch Vereinfachung der Hirntoddiagnostik verändert haben muss. Menschen, die nach strengen Maßstäben als Lebende galten, wurden durch die Vereinfachung der Hirntoddiagnostik zu Toten. Konnte das sein? 1968 hat das Ad Hoc Committee der Harvard Medical School folgende Merkmale als Merkmale des Hirntodes festgelegt:

1. „[…] keine Rezeptivität und Reaktivität,

2. keine spontanen Bewegungen und Atmung,

3. keine Reflexe und

4. flaches Elektro­enzephalogramm […].“28

Ich möchte noch einmal wiederholen. Nach Angaben der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) finden sich Bewegungen der Arme und Beine „bei bis zu 75% aller Hirntoten“.29 Demnach wären diese Menschen 1968 nicht hirntot gewesen – sind es aber heute!

Heute wird der Hirntod und somit der Tod des Menschen sehr unterschiedlich festgestellt. In Polen sind apparative Untersuchungen überhaupt nicht vorgeschrieben. In Italien müssen Mediziner 3x ein EEG Messen, aber in Deutschland ist ein EEG nicht einmal in jedem Fall vorgeschrieben. EEGs müssen beispielsweise nicht angewendet werden, wenn die Hirnschädigung durch Herzinfarkt, Ertrinken, Ersticken oder ein Blutzuckerkoma erfolgte. In Norwegen wird eine zerebrale Angiographie verlangt. In Großbritannien ist eine apparative Untersuchung nicht erforderlich und die Wiederholung der klinischen Untersuchung, die in der Schweiz zwingend vorgeschrieben ist, ist in Großbritannien nur empfohlen.30

Auch die Gehirnareale, die untersucht werden müssen unterscheiden sich in den verschiedenen Ländern. In Deutschland reicht der irreversible Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und des Hirnstamms zur Todesdiagnose aus, aber in Großbritannien reicht beispielsweise der endgültige Ausfall des Hirnstamms um den Tod festzustellen.31

Fachkundi­ge Mediziner, z.B. Prof. Geisler und Dr. Zieger, haben vor dem Gesundheitsaus­schuß des Deutschen Bundestages schon 1995 dargestellt, dass der gesamte Ausfall der Hirnfunktionen nicht feststellbar ist.32 Mehrfach wurde dort außerdem auf die Veröffentlichung des Neurologen Dr. Klein hingewiesen, in der wissenschaftliche Arbeiten zitiert werden, die belegen, dass nach Fest­stellung des sogenannten „Hirntodes“ die betroffenen Patienten (nicht Leichen!) noch EEG-Akti­vität zeigten. Auch Hormonproduktion der Hypophyse konnte nach Feststellung des sogenann­ten „Hirntodes“ nachgewiesen werden.33 Beim Einschnitt in den Körper eines „Hirntoten“ kann es zu Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg34 kommen. Dr. Klein zieht in einem Fernseh­bericht daraus die Konsequenz, dass er bei einer Organentnahme – er hat einen Or­ganspendeausweis – darum bitten würde, dass ihm Schmerzmedikamente gegeben werden, weil man nicht ausschließen kön­ne, dass Empfindungen möglich seien.35

Trotzdem setzte die Bundesregierung am 25.06.97 der Debatte um den sogenannten „Hirntod“ in Deutschland einen Schlussstrich und beschloss mit großer Mehrheit (424 von 631 gültigen Stim­men) einen Transplantationsgesetzentwurf, der die Beibehaltung der bisherigen Pra­xis beinhaltet. Der „Hirntod“ wurde als Tod des Menschen akzeptiert und ist als Mindestvoraussetzung für eine Organentnahme festgeschrieben worden. Angehörige können einer Organentnahme zustimmen.36 Doch im Jahr 2010 wurde die Diskussion um den Hirntod erneut geführt. Im Juni 2010 titelte die Ärztezeitung, „Revival der Hirntoddebatte“37. Im September 2010 folgte die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem Titel: „Hirntod – Ist die Organspende noch zu retten?“38 Was war geschehen?

Dr. Sabine Müller, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie CCM der Charité in Berlin, veröffentlichte neue Erkenntnisse zum Hirntod bzw. der Hirntoddiagnostik. Müller wörtlich: „Neue empirische Erkenntnisse erfordern eine neue Auseinandersetzung mit diesen Fragen:

  • Erstens haben zahlreiche Studien ein längeres Überleben und die Integration von Körperfunktionen von hirntoten Patienten nachgewiesen. […]
  • Zweitens geben Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET) an hirntoten Patienten Anlass, an der Zuverlässigkeit der üblichen Hirntoddiagnostik zu zweifeln.“39

 

Nur ein Beispiel. Bei einer „Begutachtung von allen Hirntoddiagnosen innerhalb von vier Jahren an der Universitätsklinik Newark stellten Zuckier und Kolano fest, dass bei 21 von 188 Fällen (11%) eine permanente Gehirndurchblutung trotz klinisch festgestelltem Hirntod nachgewiesen wurde [33].“40

Aber auch altbekannte Hirntod-Konzept-Befürworter zweifeln am Hirntod-Konzept. Prof. Dr. med. Hans-B. Wuermeling im Juli 2010: „Diese Begründung der These, der Hirntod sei der Tod des Menschen, war unwissenschaftlich und lediglich zweckgerichtet. Dennoch wurde sie weltweit akzeptiert, um Organtransplantationen möglich zu machen.“ Auch er bezieht sich auf den Aufsatz von Dr. Sabine Müller und stellt fest, dass ihr „Alarm […] kaum wahrgenommen [wurde]“. Sie weist darauf hin, daß Dieter Birnbacher 2007 zu dem Schluss gekommen ist, daß „bei der Explantation von Organen von Hirntoten (…) einem lebenden Organismus Organe entnommen (werden)“, und folgert, die Entnahme geschehe an einem „lebenden menschlichen Individuum.“41 Noch 2008 hat Dr. Wuermeling, wie schon erwähnt, solche Erkenntnisse als Meinung von Fundamentalisten abgetan, die den Hirntod nicht verstanden haben. Nun könnte man meinen, dass der Hirntod widerlegt ist und die Organspende am Ende. Eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „Bioethics“ aus dem letzten Jahr lassen mich zweifeln. Unter dem Titel „SHOULD WE ALLOW ORGAN DONATION EUTHANASIA?“ wurden Vorschläge gemacht, wie man dem Organmangel begegnen könnte. Ein Vorschlag wird als „Neuro-euthanasia“ bezeichnet. Bei dieser Methode werden Katheter in der Leiste des Patienten in Blutgefäße eingeführt, bis zu den Blutgefäßen vorgeschoben, die das Gehirn versorgen und diese dann verschlossen, um den Hirntod herbeizuführen. Die Blutzirkulation der anderen Organe wird natürlich aufrechterhalten.42 Ein anderes Beispiel sogenannter Experten? Peter Sandoe und Klemens Kappel – beide lehren an der Universität Kopenhagen – machten schon 1994 einen anderen Vorschlag: „Nach unserer Auffassung scheint es ganz natürlich, zu sagen, dass die Organe lebendiger Personen lebenswichtige Gesundheits-Ressourcen sind, die wie alle anderen lebenswichtigen Ressourcen gerecht verteilt werden müssen. Wir könnten uns daher gezwungen sehen, darauf zu bestehen, dass alte Menschen getötet werden, damit ihre Organe an jüngere, kritisch kranke Personen, umverteilt werden können, die ohne diese Organe bald sterben müssten. Schließlich benutzen die alten Menschen lebenswichtige Ressourcen auf Kosten von bedürftigen jüngeren Menschen.“ 43

27Sandvoß, G. & Horch, CH. & Andreas, M. Warum fehlen transplantierbare Organe? In: Niedersächsisches Ärzteblatt, 65. Jahrg. Nr.6, 20. März 1992
28Sabine Müller. Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik. Online publiziert: 29. Januar 2010 © Springer-Verlag 2010. S. 6
29Hans-Peter Schlake & Klaus Roosen. „Der Hirntod als der Tod des Menschen, 1. A.30.12/95, S.65. Vergl. Linke, D. B. Hirnverpflanzung. Rowohlt 1993, S. 117 ff und S. 120 f
30Hans-Peter Schlake & Klaus Roosen. „Der Hirntod als der Tod des Menschen, 1. A.30.12/95, S.65. Vergl. Linke, D. B. 31Hirnverpflanzung. Rowohlt 1993, S. 117 ff und S. 61Sabine Müller. Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik. Online publiziert: 29. Januar 2010 © Springer-Verlag 2010. S. 832Prof. Geisler, L. Deutscher Bundestag. Ausschuß für Gesundheit. Ausschußdrucksache 13/114 vom 17. Juni 1995, S. 39 und Zieger, A., S. 72
33Dr. Klein, M. Hirntod: Vollständiger und irreversibler Verlust aller Hirnfunktionen? Ethik in der Medizin, Springer-Verlag 1995, 7:6-15
34Gramm, H.-J. u.a. Hemodynamic responses to noxious Stimuli in brain-dead organ donors. In: Intensiv Gare Med (1992) 18: 493-495, S. 494
35Klein, M. In: Stationen: Tod oder Lebendig? Die ethische Kontroverse um den Hirntod. Bayern III, 07.09.95, Film von S. Matthies.
36Deutscher Bundestag. Plenarprotokoll 13/183, 25.06.1997, S. 16453ff.
37Nicola Siegmund-Schultze. Revival der Hirntoddebatte. Ärzte Zeitung, 24.06.2010. http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/article/608608/revival-hirntoddebatte.html?sh=2&h=324026683.
38Stephan Sahm. Ist die Organspende noch zu retten? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2010. http://www.faz.net/s/Rub5C2BFD49230B472BA96EOB2CF9FAB88C/Doc~E13B649EB805E435289260895F7361COD~ATpl~Ecommon~Scontent.html39Dr. Sabine Müller. Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik. Online publiziert: 29. Januar 2010 © Springer-Verlag 2010. S. 1
40Zitiert nach Sabine Müller. Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik. Online publiziert: 29. Januar 2010 © Springer-Verlag 2010. S. 14
41Prof. Dr. med. Hans-B. Wuermeling. Finale Grenzziehungen. Eine Debatte über den Hirntod als Voraussetzung für die Transplantationsmedizin zwischen Ethik und Zweckmäßigkeit. JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. http://www.jungefreiheit.de. 29/10 16. Juli 2010
42Dominic Wilkinson «Julian Savulescu. SHOULD WE ALLOW ORGAN DONATION EUTHANASIA? ALTERNATIVES FOR MAXIMIZING THE NUMBER AND QUALITY OF ORGANS FOR TRANSPLANTATION. Bioethics Blackwell Publishing Ltd., 03.05.2010. S. 11
43Zitiert nach Martina Spirgatis. Leben im Fadenkreuz. Transplantationsmedizin zwischen Machbarkeit, Menschlichkeit und Macht. Konkret Literatur Verlag 1997. S. 189. Original: SAVING HE YOUNG BEFORE THE OLD – A REPLY TO JOHN HARRIS. Bioethics Blackwell Publishing Ltd., Januar 1994. Volume 8, Issue 1. S. 84-92.

Quelle: http://www.transplantation-information.de/veroeffentlichungen/vortraege/wie_tot_ist_hirntot_die_untoten_2011.html#sec:1

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