Entstehung neuer Tode – Auszüge/Prof. Dr. med. Zieger

von kinesiana

Im folgenden nun ein Auszug aus dem Folienvortrag von Prof. Dr. med. Andreas Zieger „Die Todespolitik der modernen Medizin“. Wer diesen komplett lesen möchte, findet ihn hier.

Entstehung neuer Tode

Durch kontrollierte Beatmung und Intensivmedizin können seit 50-60er Jahren
• reanimierte Menschen, deren Herzfunktion wiedergekehrt ist, selbst nach schwerster Hirnschädigung, weiterleben:
• „Coma dépassé“, „Ultrakoma“ (Mollaret & Goulon 1959)
• „Falsch Lebende“ (faux vivans), „Untote“
• „Dissoziierter Hirntod“ „Ganzhirntod“, „Teilhirntod“, „kortikaler Tod“
1968 Einführung des „Hirntodkonzepts“ welches von einer Adhoc-Kommission aus Theologen, Juristen und Medizinern der Harvard Medical School zum Zweck der Erarbeitung eines neuen Todeskriteriums formuliert wurde:
„Unser primäres Anliegen ist, das irreversible Koma (Coma dépassé) als neues Todeskriterium zu definieren…“
„Hirntod“ = Zeitpunkt der Unumkehrbarkeit des Sterbeprozesses

Gründe für neues Todeskriterium:
1.) Eine schwere Last ruht auf den Patienten… auf ihren Familien, auf den Krankenhäusern und auf solchen Patienten, die auf von diesen komatösen Patienten belegte Krankenhausbetten angewiesen sind.
2.) Überholte Kriterien für die Definition des Todes können zu Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur
Transplantation führen.“
Beecher et al 1968

Aktuelle Entwicklung (USA)
Widerlegung der wissenschaftlichen Grundlagen der Begründung des Hirntodkonzepts (Verheijde et al 2009):
• Das Gehirn steuert und integriert nicht alle Lebensvorgänge im Organismus.
• Neuroendokrine Funktionen, Wachstum von Haaren, Nägeln etc., Schmerzreaktionen bleiben erhalten (Narkose!)
• Restfunktion von Zellen im Hirnstamm mit Erholungsfähigkeit unter Therapie!

Neues „Todes“konzept
Non Heart-Beating Organ Donation bzw.
Organspende nach „Herztod“ (USA, Spanien):
• Reanimation bei Herzattacke oder Unfall
• Unter Reanimationspause: Herzstillstand (EKG-Nulllinie) von 2 bis 5 Minuten, dann
• „Reanimation“ bis zum Anschluss des Patienten an die Herzlungenmaschine … (Martina Keller, in: GEO 2011)
Rascher Wandel vom „Unfallopfer“ zum „Reanimationsbedürftigen“ zum „Explantierten“
Verabschiedung vom Hirntodkonzept!
Verabschiedung von der „Tote-Spender“-Regel!

Konsequenzen:
• Erlaubter Zeitpunkt zur Organentnahme als „Leben machender Tod“?
• Tötung von Sterbenden?
• Ausweitung der Organentnahme?
• Änderung der gesetzlichen Grundlagen?

„Es gibt nicht nur einen Tod:
• Der Tod, der mich ins Jenseits führt, ist ein anderer als der Tod, der erlaubt, meine Organe zu entnehmen.“
Claudia Wiesemann (2006)

„Todeskonzept“ (1)
Für Kranke und Sterbliche, die ins „Jenseits“ eingehen wollen:
• Bewusste palliative und hospizliche Begleitung und Hinwendung zum Schwerkranken, Schwachen und Sterbenden
• Ermöglichung eines Sterbens in Würde ohne technische Eingriffe.
„Todeskonzept“ (2)
Für Kranke und Sterbliche zum Zwecke der Explantation:
• Verabredung eines definierten Entnahmezeitpunktes
• Informierte Zustimmung?
• Ärztliche Assistenz?
• Rechtliche Grundlagen?
Kultur des Sterbens durch Organentnahme
(Todespolitik?)
Stöcker: Der Hirntod (1999/2010, S. 340)
„Richtig wäre … ein anderer Weg gewesen, die strikte Abkoppelung der Zulässigkeit von Explantationen von der Frage, wann ein Mensch tot ist … keine Festlegung des Todeszeitpunktes, sondern eine echte Ethik der Organverpflanzungen … eine philosophische Forschung …, die genuin ethische Fragen in den Mittelpunkt rückt.“
„Plädoyer für eine Reanimation der Hirntoddebatte“
(Stöcker 2009)

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